Dieser Artikel ist Teil unserer Zeitung zur Kommunalwahl 2025.
Autor*in: Flinta*4Rave
Magst du dich und Flinta*4Rave vorstellen?
Flinta*4Rave ist ein Musikkollektiv von Flinta* DJs aus dem Ruhrgebiet – also ein Kollektiv für Menschen, die qua Identität im Patriarchat diskriminiert werden. Wir setzen uns für größere Sichtbarkeit von Flinta* hinter den Decks sowie in der Musikbranche und Clubkultur ein und für sicherere Räume in diesen Kontexten. Ich bin Hannah aka rabbit’s revenge und seit etwa eineinhalb Jahren Teil des Kollektivs.
Wie bist du zu Flinta*4Rave gestoßen?
Ich bin über eine Freundin dazu gekommen, die schon Teil des Kollektivs war und mich quasi „angeworben” hat. Im November 2023 bin ich das erste Mal zum Plenum gegangen und hab mich direkt super wohl gefühlt.
War diese Erfahrung auf dem Plenum vergleichbar mit anderen Erfahrungen in der Clubkultur?
Ich bin keine große Clubgängerin, sondern gehe eigentlich nur, wenn interessante DJs oder Freund*innen von mir auflegen oder involviert sind – also, to be honest, sehr bewusst gewählte Veranstaltungen. Das kommt vor allem daher, dass ich mich früher oft extrem unwohl gefühlt habe auf Tanzflächen. Das waren keine sicheren Orte. Und für die wenigen Flinta*-Personen, die in diesen Kontexten damals gespielt haben, war es das häufig auch nicht. Das spürt man irgendwie. Und jetzt, mit Anfang/Mitte 30, habe ich darauf keinen Bock mehr. Ich bin ungeduldiger, wütender als damals. Das verbindet auch viele im Kollektiv.
Was braucht es für eine Veranstaltung, dass du sagen würdest: „Da gehe ich hin“?
Das fängt schon bei der Ansprache und dem Booking an. Wenn ich lese, dass es ein Awareness-Konzept gibt, ist das ein gutes Zeichen. Wenn in der Werbung auf diskriminierungsfreie Sprache und Darstellungen geachtet wird, auch. Die Veranstalter*innen sollten sich schon länger und überzeugend positioniert und diese Positionierung auch umgesetzt haben. Und wenn dann das Line-Up cool und divers ist und nicht nur Cis-Dudes spielen, spricht schon im Vorhinein vieles dafür.
Vor Ort sollte klar sein, dass es gute Security gibt und ein Awareness-Konzept – im besten Fall mit separaten Räumen, in die man sich im Falle eines Vorfalls auch mit geschulten Menschen zurückziehen kann. Täter sollten sofort gehen müssen. Bei einem Übergriff kann auch die Musik gestoppt werden, das finde ich völlig fine. Ganz viel macht auch das Publikum aus, und darauf haben Veranstaltende ja nur bedingt Einfluss – die Ansprache in der Werbung kann aber schon viel beitragen. Wenn sich komische Vibes auf der Tanzfläche entwickeln und unangenehme Männer superviel Raum einnehmen, dann bin ich sofort weg.
Wie offen sind Clubs für Awareness- oder Safer-Space-Konzepte?
Viele Clubs haben durchaus ein Interesse daran, als sicher wahrgenommen zu werden. In der Realität sieht das oft anders aus. Dann sind zwar die Ansprache und der Look entsprechend, aber trotzdem werden wiederholt DJs gebucht, von denen man weiß, dass sie Täter sind, es werden keine klaren Grenzen bei Übergriffen gezogen oder hinter den Kulissen finden Mobbing und Sexismus statt. Offen sein ist das eine – da sind es glaube ich viele -, das Problem liegt bei der Umsetzung. Und da gibt es momentan nur extrem wenige Orte, auf die das wirklich zutrifft.
Hast du das Gefühl, dass es sichtbare Fortschritte gibt? Oder ist der gesellschaftliche Rechtsruck auch in der Clubkultur zu spüren?
Schwierige Frage. Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren was bewegt hat, ja, aber ehrlich gesagt ziemlich langsam. Und ich habe das Gefühl, dass es weitergeht, sich also der Fortschritt als Ganzes erst mal nicht aufhalten lässt. Was ich aber spüre, ist, dass von außen mehr Druck auf Veranstaltungen und Veranstaltende ausgeübt wird, die sich entsprechend positionieren. Da rufen dann Rechtsradikale dazu auf, mal “vorbeizuschauen” oder so etwas. Die Drohgebärden nehmen zu.
Wie erlebst du das Verhalten anderer Akteur*innen in der Szene in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsruck?
Auf den Slogan “gegen Rechts” können sich die allermeisten einigen. Gleichzeitig finden sich innerhalb dieses kleinsten gemeinsamen Nenners noch immer Leute und Veranstaltende, die sich trotzdem als “unpolitisch” framen, weil sie vielleicht Angst haben, ein bestimmtes Publikum zu verschrecken oder was auch immer. Oder die dann doch nicht so genau drauf achten, wen sie booken oder wie ignorant ein all-male-Lineup wirken kann. Ich bin unsicher, ob die im Zweifel, wenn’s mal drauf ankommt, wirklich solidarisch sind oder eben nicht.
Es gibt aber auch Fälle von anscheinend ernst gemeinter Aufarbeitung von Clubs, die sicherer werden möchten und dann auch um Beratung oder Hilfe bitten. Ignoranz oder auch einfach mangelnde Bildung sehe ich eher bei spezifischen feministischen Themen und wenn es darum geht, die patriarchale Norm zu hinterfragen und zu brechen.
Was braucht es, damit Flinta* in der Clubkultur mehr Sichtbarkeit erfahren?
In erster Linie Awareness. Also ein Bewusstsein dafür, dass wir alle patriarchale Denkmuster verinnerlicht haben. Um diese verinnerlichten Strukturen zu durchbrechen, müssen wir erst mal erkennen, wann, wo und wie sie sich manifestieren. Wenn man in der Lage ist, das zu erkennen, kann man anfangen bewusst dagegen zu arbeiten. Dann das ist es am Ende: Arbeit. Ein aktives Verlernen. Wenn das nicht passiert, werden Menschen, die auf entsprechendes Verhalten hinweisen, immer als dogmatisch wahrgenommen und gesilenced werden – denn das Verständnis ist ja nicht da.
Also erst mal das, wirklich die absoluten Basics. Und dann müssen wir alle zusammen an einem Strang ziehen. An Awarenesskonzepten arbeiten. Interne Weiterbildungen. Bookings checken: Wen booke ich und warum? Wie gehen wir miteinander um? Wie reden wir über andere? Wie agieren wir in der Öffentlichkeit, wie verhalten wir uns bei Sexismus, bei diskriminierendem Verhalten?
Hast du zum Abschluss noch einen Hör- oder Veranstaltungstipp für uns?
Oha, ganz viele! Schaut einfach mal bei uns auf Instagram vorbei (@flinta4rave), da teilen wir jede Woche in den catch-us-Posts, wo ihr Kollektiv- und Netzwerk-Mitglieder an den Decks erleben könnt.